Das Innere Team*)

 

Warum verstehe ich mich oft selbst nicht?

 

Wieso bin ich meist so unsicher in meiner Entscheidung?

Und wieso bekomme ich die längst verdiente Gehaltserhöhung nicht?

 

Alltagsmoment...

Du sitzt deinem Chef gegenüber. Endlich hast du dich getraut eine Gehaltserhöhung zu verlangen, die du schon so lange möchtest. Du hättest sie längst verdient, du empfindest dich als gute tragende Kraft des Betriebs, bist nie krank und gibst alles.

 

Abgelehnt! Begründung: bla, bla .... 

 

Eine innere Stimme sagt dir: Jetzt reicht es, der soll seinen Kram allein machen, nicht mehr mit mir. Der spinnt doch! Der Blödmann, hat überhaupt keine Ahnung .....usw.

 

Der Chef schaut auf die Uhr, steht auf und gibt dir lächelnd die Hand. Ein unmissverständliches Zeichen, das Feld zu räumen.

Du stehst auf und verlässt den Raum. Wortlos, etwas gebückter als vorher, aber du hörst noch: „Vielleicht nächstes Jahr, wenn die Geschäfte besser laufen ...“.  Du denkst, er merkt nicht mal, wenn ich weg bin, am nächsten Tag sitzt ein anderer auf meinem Platz. Wieso trifft es immer nur mich? Du fühlst dich schlecht. Dein Tag ist gelaufen.

 

Wie kommen diese widersprüchlichen Gedanken zustande?

 

Du hörtest sie deutlich: Den Aufsässigen, Selbstsicheren, den Aggressiven, Couragierten, aber auch den Unsicheren, Resignierten, Traurigen in dir.

 

Innere Stimmen (Gedanken), das kennt jeder. Bei manchen geht vielleicht jetzt das eine oder andere Licht an: da habe ich etwas gelesen von Multipler Per-sönlichkeit, Persönlichkeitsstörung oder gar Schizophrenie? Nein, keine Sorge, nichts von alledem. Du bist ganz „normal“. So geht es allen.

 

Wir haben alle von Geburt an unterschiedliche Persönlichkeitsanteile in uns angelegt. Ein Geschenk der Natur und auch unserer Vorfahren. Lass es  uns im Nachfolgenden „Team“ “nennen und etwas später darauf konkret eingehen. Es gibt auch einen Teamleiter, der diese illustre Gesellschaft koordiniert. Das ist deine Persönlichkeit. Jedenfalls sollte es so im günstigsten Fall sein.

 

Dieses Team ist bei jedem Menschen grundverschieden und ist sich selten einig. Vielmehr versucht jedes Mitglied, dein Handeln zu beeinflussen.

 

Warum sind diese Gedanken/Fähigkeiten so verwirrend, weshalb kannst du sie oft nicht umsetzen?

 

Bereits im Babyalter werden die ersten Weichen gestellt. Da steuert das Umfeld mit seiner Reaktion die Lautstärke unserer inneren Bewohner. Das Baby muss nur laut genug schreien, dann gibt es Futter. Ja genau, richtig erkannt: Mit den lebenserhaltenden „Reflexen“ beginnt es, es meldet sich der Versorger.

 

Später hört das kleine Mädchen: „wenn du brav bist (und angepasst), dann bekommst du die Puppe“. Der Wunsch nach der attraktiven Puppe geht quasi auf Kollisionskurs mit dem wilden und ungeschliffenen Teil des Kindes. Sie merkt schnell, wenn ich etwas haben will, muss ich so und so sein. Die unbequemen Seiten (Stimmen, Gedanken) werden einfach in den Hintergrund gedrängt und die gesellschaftsverträglichen stark gemacht. Stimmen werden reguliert und selektiert.

 

Inneres Team: die beteiligten Stimmen aus dem Eingangsbeispiel:

 

          1.  Teil: Entscheidung, Gehaltserhöhung zu verlangen:

  • Der Realist: Du musst an deine finanzielle Zukunft denken, du brauchst mehr Geld
  • Der Selbstbewusste: Das hast du dir längst verdient, bist gut, nie krank, teambewusst etc.
  • Der Visionär: Mit dem Geld kannst du dir eine neue Wohnung leisten

 

          2.  Teil Nach der Ablehnung durch den Chef:

  • Der Aggressive: Jetzt reichts, der soll seinen Kram alleine machen!
  • Der Unsachliche: Der spinnt .... Blödmann .... der hat keine Ahnung!
  • Der Hilflose: Nur weg hier

 

          3. Teil Verarbeitung der Ablehnung:

  • Der Resignierte: Der merkt nicht mal, wenn ich weg bin
  • Der Traurige: Es trifft immer nur mich
  • Der Demoralisierte: mir geht es schlecht

Was passiert da überhaupt?

Du in deiner gesamten Persönlichkeit bist kein statisches Werk sondern ein Universum, bestehend aus vielen unterschiedlichen inneren Anteilen (Teammitglieder), quasi lauter kleinen Persönlichkeiten. Dein Kopf ist die Schaltzentrale. Jedes Teammitglied hat  seine eigenen Bedürf-nisse, Ansichten und seine ganz individuelle Motivation. Auch wenn du das Melden dieser Anteile oft als nervig empfindest, will jedes Teammitglied für dich immer nur das Beste.

 

Aus dem jeweiligen eingeschränkten Blickwinkel heraus reagiert es jedoch auf seine eigene Weise auf innere Konflikte. Es will sie mit seinen Mitteln ausgleichen. So verbirgt sich hinter unbequemen Anteilen immer eine „gute Absicht“:

 

Antreiber: du musst es allen Recht machen

Mach-ich-Morgen-Fred: Ich mag keine Vorschriften

Burnout: Ich ziehe die Notbremse um ihn/sie zu stoppen

Kontrolleur: Es muss alles sicher sein, Neues bringt Gefahr

Leidende: Ich habe Angst erneut verletzt zu werden

 

Und noch viele Teammitglieder mehr, die alle nebeneinander in und mit dir leben, mehr oder weniger harmonisch oder problematisch.

 

Gott sei Dank haben wir alle noch unsere Persönlichkeit zur Verfügung, die diese unterschiedlichen Mitglieder in ihre Positionen bringt. Diese Persönlichkeit steht über all den Teammitgliedern und ist der Teamleiter und bestimmt ..... im besten Falle. Manchmal ist sie aber auch (zeitweise) nicht stark genug und einzelne Teammitglieder machen ihr den Chef-Platz streitig. Bestimmen quasi immer etwas mit. Das verunsichert und macht das Leben schwierig.

 

Das Beispiel:

Der Teamleiter beschließt:

Heute gehe ich zum Chef und lasse mich nicht von der Gehaltserhöhung abbringen.

Der Perfektionist meldet sich:

So kurzfristig und ohne entsprechende Vorbereitung, klappt das nie

Die Aufschiebetante gibt ihren Senf dazu: Morgen ist ein besserer Tag dafür, heute ist es zu warm.

Der Zweifelnde verschafft sich auch Gehör: Ob du überhaupt momentan einen guten Stand hast?

Der Selbstsichere hält dagegen: Das klappt gut, ich bin in Form und habe einen Auftrag an Land gezogen

Der Visionär träumt: Was ich mit dem Geld alles machen kann ...

 

Bis die Schaltzentrale alles gegeneinander abwägt, ist Betriebsschluss und nun sagt der Kritiker: Du bist eine Null auf der ganzen Linie.

 

Was kannst du kurzfristig tun?

 

Erste Möglichkeit: Wichtige Situation wie z.B. das nicht optimal gelaufene Bewerbungsgespräch reflektieren und es beim nächsten Mal anders aufbauen unter vorherigem Einbeziehen des Inneren Teams*.

 

Zweite Möglichkeit (für Fortgeschrittene): Du kannst während des Gesprächs deine sich meldenden Teammitglieder befragen, die meinen es ja immer gut mit dir:

 

Der Selbstbewusste und Realist in dir hätten dann zum Beispiel die Hilflosen, Resignierten und  anderen aus dem Team zur Seite stellen und laut mitteilen können: Ich bin gut, verdiene eine angemessene Entlohnung! Und zum Chef hättest du dann sagen können: Herr Maier, ich sehe das aus meiner Perspektive anders: Ich habe erst kürzlich den Auftrag akquiriert, der für die Firma sehr wichtig ist. Meine Motivation für die Firma alles zu geben, braucht Unterstützung, wie z.B. diese Gehaltserhöhung, damit ich spüre, es wird anerkannt und belohnt.

 

Der aggressive Teil wird gesteuert, damit er zusätzlich deinen Körper aufrichten und eine entsprechende Haltung einnehmen lässt. Das erreicht den Chef auf einer anderen Ebene. (Damit ist nicht gemeint, dass der aggressive Teil bedrohlich agiert und auf den Schreibtisch hauen soll).

 

Du entdeckst vielleicht noch den schlafenden Kreativdirektor, der für das nächste Gespräch ungeahnte Tipps bereithält. Mit Übung  und Geduld funktioniert das. Auch wenn du das eine oder andere Mal noch nicht die richtige innere Lautstärke und Positionierung findest.

 

Auch wenn diese Vorgehensweise auf Anhieb unbequem evtl. sogar unrealistisch erscheint, es funktioniert! Du kannst den Prozess unterstützen, wenn du ein paar Schritte gehst, meditierst oder einfach nur tief durchatmest und zum Fenster hinausschaust. Keine Angst, dieses Meeting findet nur in deinem Kopf statt.

 

 

Was bietet sich auf lange Sicht an?

 

Wenn du deine ganze persönliche Vielfalt leben möchtest, musst du wieder und jederzeit auf dein gesamtes Inneres Team zurückgreifen können. Das heißt: Dein Team erst richtig kennenlernen und zwar so:

  • genau hinhören und spüren, was sich in dir regt, was gehört werden will. Nicht nur die umfeldkonformen Stimmen laut werden lassen sondern alle! Besonders die ganz leisen, zaghaften, die sind am interessantesten.
  • Jede einzelne Stimme, die sich in diesem Augenblick meldet, hören. Nachfragen, welche Absicht steht dahinter.
  • In Kontakt mit den anderen Stimmen treten, die sich zu Wort melden, ebenfalls hinterfragen usw.
  •  Der Teamleiter bildet den Abschluss, indem er alle Ansichten würdigt und abwägt. Die Schaltzentrale entscheidet.

Zum Üben bieten sich viele und unterschiedliche Möglichkeiten, die es zahllos jeden Tag gibt. Du kannst besonders deine unentdeckten Teammitglieder aus Situationen filtern, in denen du ganz intensiv hinhören musst, weil sie so leise sind. Situationen sind kostbar, die dich zum einen verunsichern und zweifeln lassen und zum anderen, die dir lange im Kopf bleiben.

 

Wichtig ist, ohne Zensur auch die entferntesten Stimmen aufspüren. Jonglieren, ausprobieren, so wird das Team in dir bald komplett erscheinen und dich unterstützen.

 

Das Ziel:

Du hast in jeder Situation alle Ressourcen zur Verfügung und kannst die geeigneten Teammitglieder identifizieren, die du gerade zur Konfliktlösung brauchst. Sprich: Dein gesamtes Inneres Team steht jederzeit in Handlungsbereitschaft und du suchst dir aus, wer dir für den Moment hilfreich ist. Du greifst in ein üppiges Angebot, das ständig wächst. Dein Leben wird durch gelungene Kommunikation vielseitiger, schillernder und glücklicher. Es ist unglaublich spannend, sich selbst besser kennenzulernen und spie-lend sein Leben zu vereinfachen.

 

Und übrigens: Dann klappt es auch mit der Kommunikation für die Gehaltserhöhung und dem Heiratsantrag.

 

Was hat das mit Coaching oder Mediation zu tun?

 

Mit dem Inneren Team zu arbeiten ist im Coaching und in der Mediation ein wichtiges Tool. Ich arbeite gern damit, begleite meine Klienten auf ihrer Entdeckungsreise ins eigene Ich. Es schafft die Möglichkeit, sich und andere besser zu verstehen und kennenzulernen. Du beziehst nicht weiterhin alles nur auf dich, kannst auf Abstand zu deinen scheinbaren Widersprüchen gehen. Du kannst die Dinge aus einer sicheren Distanz betrachten. Es ist ein großer Unterschied ob du sagst: Ich habe Angst oder ein Teil von mir hat Angst.

 

Es gibt verschiedene systemische Techniken mit denen dieses Innere Team versinnbildlicht werden kann: Man arbeitet mit unterschiedlichen Tieren, Figuren, Steinen etc. und positioniert sie stellvertretend zu- oder gegeneinander. Am Ende ist ein Bild konstruiert, das man beliebig verändern kann. Solange, bis es für dich stimmig ist.

 

Hier ein Beispiel aus meiner Praxis mit verschiedenen Figuren:

 

Resultat daraus ist: Du stellst fest, was brauchst du, z. B. um Angst zu überwinden?  Welchen der anderen deiner Anteile kannst du zur Hilfe beistellen, Mut oder Selbstvertrauen zum Beispiel. Damit leitest du die gewünschten und notwendigen Änderungen ein, die dein Leben einfacher und attraktiver gestalten.

 

Wissenschaftlicher Hintergrund:

 

Das Innere Team*) ist ein Persönlichkeitsmodell des Hamburger Psychologen Friedemann Schulz von Thun.

 

„Obwohl ein zerstrittener Haufen im Inneren überaus lästig und quälend sein und bis zur Verhaltenslähmung führen kann, handelt es sich dabei nicht um eine seelische Störung sondern um einen ganz normalen menschlichen Zustand. Diese “innere Pluralität” ist letztlich auch wünschenswert. Wenn nämlich aus dem zerstrittenen Haufen ein Inneres Team wird, werden innere Synergieeffekte freigesetzt. Diese rühren vor allem daher, dass die “vereinten Kräfte” mehr Weisheit in sich tragen, als eine einzelne Stimme allein.“

                                                                                                    Friedemann Schulz von Thun.

 

Literatur zum Thema:

 

Miteinander reden 1-4 Störungen und Klärungen Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Das „Innere Team“...

Autor: Friedemann Schulz von Thun.

 

Miteinander reden Band 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation

Autor: Friedemann Schulz von Thun.

 

Wer bin ich  - und wenn ja wie viele?

Autor: Richard David Precht

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Kommentare: 5
  • #1

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